Was ist normal?

 

Es war der erste Schultag in einem kleinen Bauerndorf als ich mich das erste Mal mit den anderen Kindern vergleichen konnte. Zu dieser Zeit gab es noch keine Spielgruppen und keine Kindergärten, die einen sozialisiert hätten. Und weil man in den Aussenwachten ziemlich isoliert lebte, gab es auch keine Anpassungsleistungen von uns Kindern an das Gros. Da sassen wir nun also in der 1. Klasse im kleinen Dorfschulhaus. Wir waren fünf Buben und zwei Mädchen, vier davon aus Bauernfamilien.

Die uns begleitenden Mütter verglichen uns wie ausgelegtes Obst. Unsere Grösse und unsere Kleidung schienen wichtig zu sein. Das wichtigste Statussymbol war jedoch der Schulranzen. Die Mädchen trugen rote, die Buben, solche die mit Rindsfell überzogen waren. Meiner war nur aus billigem Pappkarton, der schon bald Verschleisspuren aufwies.

Schon bald zeigte sich, dass auch mein Verhalten wie mein Denken und Fühlen etwas anders waren als die meiner Mitschüler, zumindest waren das meine Empfindungen. Und es wurde bestärkt durch die Bestätigung meiner aus der «Fremde», von Solothurn, zugezogenen Mutter, die einen berndeutschen Dialekt sprach. Auch mein Vater war ein besonderer, ein Kunstmaler, der die Haare länger trug als die normalen Menschen im Dorf. Und noch etwas: Wir waren katholisch, die einzigen im Dorf. Und so durften wir in unserer Familie nicht in den regulären Religionsunterricht im Schulhaus, sondern mussten in die Kirche ins Nachbarsdorf gehen. Wir waren besonders. Ich für mich wünschte einfach nur normal zu sein. Und ich schämte mich, dass es meine Eltern offenbar nicht waren.

Diese ersten Erfahrungen in meinem direkten Wohnumfeld waren prägend. Es war nie schön, sich als Aussenseiter zu erleben, aber auf der anderen Seite erwies es sich im Laufe der Zeit auch als Vorteil.

Doch was ist normal? Ist normal auch gesund? Für einen Statistiker gehören 68% der Menschen einer Gesellschaft zur Norm, die ein bestimmtes Merkmal aufweisen, das man messen kann. Zwei klassische Merkmale sind Körpergrösse und Intelligenz. Doch, warum misst und vergleicht man diese überhaupt und zu welchem Zweck? Und dann ist noch die Frage, wer hat das Recht und die Macht dazu.

Rasch wird klar: es geht meistens darum Menschen von etwas ein- oder auszuschliessen, was immer mit Vor- und Nachteilen verbunden ist. Je genauer die Messungen gemacht wird, umso fokussierter muss gemessen werden. Doch dabei geht leider auch der Blick für das Ganze verloren. Seit der Corona-Krise erleben wir die Tragweite solcher Messungen. Die Virologen warnen zurecht vor der Gefährlichkeit des Virus und belegen es mit Daten. Es wird von Übersterblichkeit gesprochen. Doch alle anderen Wissenschafts-Disziplinen wie Ökonomie, Soziologie, Psychologie und nicht zuletzt auch die Kirchen wurden auf die Hinterbänke verwiesen.

Wer die Macht über das Leben vorgibt zu haben, war schon immer mächtig. Und wer das auch noch mit wirtschaftlichem Erfolg koppeln kann, regiert die Welt. Welche Messgrösse wollen wir für uns anstreben? Ist es die Länge der Lebenszeit, die man ja ziemlich exakt messen kann, oder soll es die Qualität des Lebens sein, die schwierig zu messen ist? Welche Werte sind uns wirklich wichtig?

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