Auf kretischen Wegen unterwegs

Meine Neugier verführt mich regelmässig zu irregulären Wegtouren, um die Landschaft zu erkunden, sei es mit dem Velo, dem Auto oder zu Fuss. Meist muss ich meinen abenteurlichen Wanderungen schmerzhaft büssen, weil ich mich so zwischen dornige Sträuchern durchquetschen muss und mir dabei Verletzungen zuziehe. Gestern war wieder so ein abenteuerlicher Tag. Der Weg zur schönen blauen Badebucht im nahen Mochlos war schmerzlicher als geplant. Wir mussten uns über abgesperrte Grundstücke, über Olivenhaine, vorbei an bellendenden Hunden schleichen. Im Wissen darum, dass ich mich nicht "normal" verhalte, hatte ich ein wenig Gewissens-bisse. Warum tut man sowas? Ich erhoffe mir meist eine kürzere Wegzeit, aber durchaus auch einen Kick. Mir macht es Freude, auf Neues und Unentdecktes zu stossen. Zum Glück ist mir noch nie etwas wirklich Schlimmes passiert. Nach dem schönen Nachmittag in der Taverne am Meeresstrand wollten wir am Abend wie geplant mit dem Taxi zum Ausgangspunkt zurückfahren. Doch da war kein Taxi, anders als uns versprochen. Das einzige im Dorf war unterwegs nach Heraklion. So befolgten wir den Rat der Tavernen-Wirtin einfach Autostopp zu machen. Den Leuten hier könne man vertrauen, meinte sie dann noch. So taten wir es. Das vierte Auto hielt an, ein junger Olivenbauer, der uns mit seinem Auto mitnahm. An jeder „Ikonostase“ (Minikapellen), die fast alle zweihundert Meter am Strassenrand stehen, hat er sich drei Mal bekreuzigt, und das vor allem in gefährlichen Kurven und steilen Abhängen (darum stehen die nämlich dort!). Wir überlebten die Fahrt bestens und wurden um eine Erfahrung reicher.

 

Nicht alle erwachsenen Menschen suchen solche jugendlichen Herausforderungen. Viele wählen lieber den „sichereren“ , vorgegebe- nen Pfad, den man auf gutem Kartenmaterial findet, oder sie lassen sich direkt an den Ort ihrer Wünsche chauffieren, wieder andere fragen Ortskundige oder „Guides“. So eine Art „Guide“ bin ja auch ich.

 

In meiner Arbeit als Laufbahnberater begegne ich Menschen, die ihren Standort und Berufs- und Lebensweg klären und planen möchten. Sie erwarten eine Einschätzung ihrer Persönlichkeit und ihrer realen Möglichkeiten. Das kann ich zum Teil bieten, im Austausch mit den Ratsuchenden selbst. Ganz selten kommen allerdings Ratsuchende zu mir, die schon eine ganz klare Vorstellung davon haben, wo und wie in welcher Position sie einmal arbeiten möchten. Von mir möchten sie dann meist nur noch wissen, welche passenden Schulen und Weiterbildungen es für sie gibt. Am liebsten hätten sie darüber hinaus auch noch eine Garantie, dass sie genau die Karriere machen können, die sie sich ausmalen. Der Wunsch ist verständlich, aber lebensfremd. Das Leben ist zu komplex, um es mit allen Facetten erfassen und planen zu können. Das heisst jedoch nicht, dass Lebensplanung per se nicht möglich wäre. Es stellt sich vielmehr die Frage, wie exakt das innerhalb des eigenen persönlichen und gesellschaftlichen Referenzrahmens möglich ist. Es ist klug, darauf zu achten, dass man die Eckwerte, die einem wirklich wichtig sind, anstrebt und sich nicht in zu vielen Details verliert.

 

Weil wir alle Individuen sind, gilt also für jeden einzelnen von uns, sich selbst in "seiner" Welt und seiner sozialen Wirklichkeit zu finden. Grenzen und Strassen sind nichts anderes als Vorgaben, an die wir uns halten sollen oder auch nicht. Sie sind keine Naturkonstanten. Das gilt ebenso für unser Denken und Fühlen. Allerdings müssen wir mit Konsequenzen rechnen, wenn wir solche "Grenzen" überschreiten oder uns nicht auf dem "richtigen" Weg bewegen. Wir entscheiden selbst, welche Risiken wir eingehen, aber auch welche Chancen wir verpassen möchten. Das war schon Sokrates' Prinzip. Er hat sich mehrmals gegen politische und militärische Autoritäten gestellt, im Wissen darum, dass es ihm den Kopft kosten könnte. Für ihn war genaues Denken und Hinterfragen im Dialog mit Mitmenschen der Kern des Lebens. Bekanntlich war er es, der sagte: "Ich weiss, dass ich nichts weiss" und stellte damit auch staatliche und religiöse Gesetze in Frage. "Was der Mensch allein erreichen kann, ist ein partielles und vorläufiges Wissen, das sich, mag es im Augenblick auch noch so gesichert erscheinen, dennoch immer bewusst bleibt, daß es sich im Nachhinein als revisionsbedürftig erweisen könnte (Klaus Döring: Sokrates, Philosophen der Antike I, Stuttgart u. a. 1996, S. 186.). Sich um dieses unvollkommene Wissen zu bemühen in der Hoffnung, dem vollendeten Guten möglichst nahe zu kommen, ist demzufolge das Beste, was der Mensch für sich tun kann. Je weiter er darin vorankomme, desto glücklicher werde er leben."

 

Damit bin ich voll einverstanden und geniesse den Tag und die griechische Sonne im Moment.

 

 

Gefangen in der Angst, Freunde zu finden

Letzte Woche bin ich auf Facebook auf einen Beitrag von Kevin Rechsteiner gestossen. In seinem Kev(B)log berichtet er von einer Begegnung. Er wurde gefragt, wie es ihm so rasch und einfach gelinge, Kontakte zu Menschen und zu bestimmten Szenen herzustellen. Er erklärte es mit einer bekannten Lebensweisheit: Man muss einfach auf die Menschen zugehen, die einen interessieren und ihnen einen Mehrwert bieten, was auch immer das sein möge. Auch ich mochte Kevin auf Anhieb. Er war gerade dabei, hoch über dem Rhein bei Buchberg, auf offenem Feld seine Drohne fliegen zu lassen. Sofort bot er mir seinen Joystick an, damit ich mich ebenfalls als Pilot beweisen konnte. Diese Offenheit mir gegenüber war toll. Kevin registrierte, dass ich Freude an seinem spannenden Spiel hatte. Unzählige Ratgeber empfehlen genau das Verhalten, um Freunde zu gewinnen, genau wie es Kevin beschreibt. Doch warum tun wir uns so schwer? Zum einen liegt das in der Persönlichkeit begründet, zum anderen ist es die Sozialisation. Vor allem uns Schweizern wird von Eltern, Verwandten und Bekannten von Kindesbeinen an eingetrichtert, dass man nicht einfach so auf fremde Menschen zugehen soll. Es wird uns gesagt, dass wir stören. Fremdes kann auch gefährlich werden. Die natürliche Neugier von Kindern wird so systematisch und „erfolgreich“ zurück gestutzt, bis wir vorwiegend schweigen und misstrauisch auf Distanz gehen. Duckmäuserisches Verhalten und „hinter dem Vorhang hervorlugen“ ist das Resultat solcher Lernerfahrungen.

     Das Fremde macht Angst, so sehr, dass wir Luftschutzbunker für jeden Haushalt von Gesetzes wegen vorschreiben. Wir bestehlen uns so der Freude und vieler schöner Begegnungen. Friedrich Dürrenmatt bezeichnete in seiner letzten Rede die Schweiz als ein Gefängnis, dessen Bewohner zugleich Wärter und Gefangene seien: «Es gibt nur eine Schwierigkeit für dieses Gefängnis, nämlich die, zu beweisen, dass es kein Gefängnis ist, sondern ein Hort der Freiheit (...). Um diesen Widerspruch zu lösen, führten die Gefangenen die allgemeine Wärterpflicht ein: Jeder Gefangene beweist, indem er sein eigener Wärter ist, seine Freiheit.»  

     Zum Glück erlebe ich viele von meinen Landsleuten und hier aufgewachsenen Mitmenschen ganz anders. Zum Glück kamen in den 60er Jahren viele fröhliche Südländer in die Schweiz und halfen mit, uns lockerer und kommunikativer zu machen. Zum Glück gibt’s Kevins.

 

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Was ist hier falsch?

Wieder lacht mich ein schöner Sonntagmorgen auf meiner Terasse an. Diesmal offenbart sich mir der frisch bepflanzte Acker mit 1000den Kopfsalatsetzlingen, alle sorgfältigst in Reih und Glied gesetzt. Neben grünen gibt es in weniger grosser Anzahl rötliche. Sie sind alle in 4er Reihen angelegt worden. Dazwischen liegt ein Bewässerungsrohr, das die grünen von den roten trennt. Anfänglich realisierte ich nicht, dass es zwei verschiedene Sorten waren, denn es stachen mir nur die frisch-hellgrün leuchtenden ins Auge. Die betrachtete ich als die gesunden, die andern, unauffälligeren, mickrigeren bräunlichen Setzlinge, die später angepflanzt wurden, bedauerte ich. Ich muss gestehen, ich schaute sie mir ja auch nur von meinem "Hochsitz" an und nahm mir nicht die Mühe hinunter zu steigen, um eine genaue Analyse vorzunehmen. So glaubte ich eben anfänglich, dass die dunkleren Setzlinge zu wenig Wasser abgekriegt haben oder sonstwie krank sein müssen. Ich wünschte für sie, dass sie auch bald grün würden, wie die im Nebenbeet. Doch am 5. Tag zeigten sie immer noch die rot-bräunliche Färbung und waren strammer als zuvor. Die waren nämlich gar nicht krank! realisierte ich plötzlich, die waren nämlich nur andersfarbig, eben rot-bräunlich. Heute Morgen schaute ich nochmals mit schweifendem Blick über's ganze Feld und stellte da schon wieder etwas Seltsames, eine "Anomalie", fest. Da hat sich doch tatsächlich ein grüner Setzling ins rote Nebenbeet verirrt (links oberhalb der Bildmitte). Vielleicht werden sie doch noch alle grün? Sofort halte ich im grünen Beet Ausschau nach roten. Ich werde mich melden, wenn es soweit ist.

 

Beat Stirnimann

 

 

 

 

Faul sein tut gut

Sonntagmorgenhitze, der flaue Wind auf der Terasse und die träge dahinfliessende, dunkelgrün schimmerndene Töss begrüssen mich heute Morgen. Vor mir stehen noch zwei leere, nicht abgeräumte Weingläser auf dem Hocker, mit Resttropfen vom feinen Roten der vergangenen Nacht. Sie erinnern an die angeregeten Gespräche mit meiner Liebsten, die sich noch immer im Bett wälzt. Ich spanne vorsichtig den neuen IKEA-Sonnenschirm auf und schaue über das Geländer auf den neuen kleinen Rasen, der nicht so recht gedeihen möchte, wie wir es uns wünschen. Ich leg mich in den Liegestuhl, halte Rückschau und schaue den quakenden Enten zu, denen es sehr gut zu gehen scheint. Sie quaken und paddeln, fliegen ab und zu hoch und landen klatschend. Sie haben keinen Plan und keinen Anspruch, ein Lebensziel oder ein Projekt zu verfolgen wie ich. Der Gedanke, dass ich noch mehrere Tage Ferien vor mir habe, macht mich ein wenig nervös. Ich denke an meine Weiterbildung in Projektmanagment. Ich könnte doch endlich meine vielen Ideen zu Papier bringen und die "Milestones" festlegen. Aber immer kommt mir wieder etwas dazwischen, dass mich ablenkt, seien es meine Gedanken, meine betagte Mutter, die Katze oder meine Liebste, die alle Aufmerksamkeit wünschen und mir ihre Zuneigung zeigen möchten. Ist doch schön, oder...? Es kommt sicher noch die richtige Zeit und die Schaffensenergie, wenn das Wetter nicht so verführerisch griechisch ist. Dann, wenn das Wetter kühler ist, dann packe ich es an, dann...

"Carpe diem" oder "Faul sein tut gut".

 

Beat Stirnimann

 

 

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