Gefangen in der Angst, Freunde zu finden

Letzte Woche bin ich auf Facebook auf einen Beitrag von Kevin Rechsteiner gestossen. In seinem Kev(B)log berichtet er von einer Begegnung. Er wurde gefragt, wie es ihm so rasch und einfach gelinge, Kontakte zu Menschen und zu bestimmten Szenen herzustellen. Er erklärte es mit einer bekannten Lebensweisheit: Man muss einfach auf die Menschen zugehen, die einen interessieren und ihnen einen Mehrwert bieten, was auch immer das sein möge. Auch ich mochte Kevin auf Anhieb. Er war gerade dabei, hoch über dem Rhein bei Buchberg, auf offenem Feld seine Drohne fliegen zu lassen. Sofort bot er mir seinen Joystick an, damit ich mich ebenfalls als Pilot beweisen konnte. Diese Offenheit mir gegenüber war toll. Kevin registrierte, dass ich Freude an seinem spannenden Spiel hatte. Unzählige Ratgeber empfehlen genau das Verhalten, um Freunde zu gewinnen, genau wie es Kevin beschreibt. Doch warum tun wir uns so schwer? Zum einen liegt das in der Persönlichkeit begründet, zum anderen ist es die Sozialisation. Vor allem uns Schweizern wird von Eltern, Verwandten und Bekannten von Kindesbeinen an eingetrichtert, dass man nicht einfach so auf fremde Menschen zugehen soll. Es wird uns gesagt, dass wir stören. Fremdes kann auch gefährlich werden. Die natürliche Neugier von Kindern wird so systematisch und „erfolgreich“ zurück gestutzt, bis wir vorwiegend schweigen und misstrauisch auf Distanz gehen. Duckmäuserisches Verhalten und „hinter dem Vorhang hervorlugen“ ist das Resultat solcher Lernerfahrungen.

     Das Fremde macht Angst, so sehr, dass wir Luftschutzbunker für jeden Haushalt von Gesetzes wegen vorschreiben. Wir bestehlen uns so der Freude und vieler schöner Begegnungen. Friedrich Dürrenmatt bezeichnete in seiner letzten Rede die Schweiz als ein Gefängnis, dessen Bewohner zugleich Wärter und Gefangene seien: «Es gibt nur eine Schwierigkeit für dieses Gefängnis, nämlich die, zu beweisen, dass es kein Gefängnis ist, sondern ein Hort der Freiheit (...). Um diesen Widerspruch zu lösen, führten die Gefangenen die allgemeine Wärterpflicht ein: Jeder Gefangene beweist, indem er sein eigener Wärter ist, seine Freiheit.»  

     Zum Glück erlebe ich viele von meinen Landsleuten und hier aufgewachsenen Mitmenschen ganz anders. Zum Glück kamen in den 60er Jahren viele fröhliche Südländer in die Schweiz und halfen mit, uns lockerer und kommunikativer zu machen. Zum Glück gibt’s Kevins.

 

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